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Der Fahrer des Motorwagens muss sich vor der Polizei rechtfertigen.Genoveva F. (ganz links) beginnt gerade mit dem Beamten zu argumentieren.
Foto: Etwaige Nachrichten.

Etwashausen, 7. September (Eigener Bericht) In Wildenranna ist ein äußerst eigenartiges Fahrzeug aufgetaucht: ein Daimler-Motorwagen. Genoveva F. wurde auf ihn aufmerksam, weil er von der Polizei angehalten wurde und sich eine Menschentraube um den dreirädrigen Wagen gebildet hatte. Die „Etwaigen Nachrichten“ haben dank intensiver investigativer Recherche die Zusammenhänge des Zwischenfalls herausgefunden. Einige Fragen ließen sich dadurch klären, andere blieben jedoch unbeantwortet.

Polizeiobermeister Siegfried Rudolph hatte den Motorwagen mit seinem Dienstwagen, zufällig ebenfalls ein Mercedes, verfolgt, bis er ihn vor dem Bahnhof anhalten konnte. Anschließend begann er mit den Ermittlungen, da er sich sicher war, dass das Fahrzeug nicht der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO) entsprach. Der Fahrer, Feuerwehrmann Franz-Josef Kubanke aus Neustadt, ging zunächst aber nicht auf Rudolphs Fragen ein, sondern fragte zurück: „Wo kann man hier tanken?“

Inzwischen hatten sich mehrere Schaulustige um das historische Fahrzeug und seinen Fahrer eingefunden, unter anderem Genoveva F., die zunächst Rudolph in ein Gespräch verwickelte: „Da kommt mal ein interessantes Auto in unser Dorf, und Sie haben nichts besseres zu tun, als ihm irgendwelche fehlenden Blinker vorzuwerfen?“ Der Polizist entgegnete: „Ich muss doch meine Pflicht tun. Aber interessieren tut es mich doch.“ Kubanke erläuterte: „Der Polizist hat mich angehalten, weil mein „Auto“, wie er es nannte, angeblich nicht der StVZO entspricht.“ Es folgte eine längere, friedliche Auseinandersetzung, an deren Ende Kubanke sich zu einem Interview mit den „Etwaigen Nachrichten“ bereiterklärte.

EN: Wie ist es ausgegangen? Mussten Sie zahlen?
Kubanke: Ich habe dem Polizisten erklärt, dass der Motor des Wagens nur 0,55 kW leistet. Das bewegt sich auf dem Niveau eines durchtrainierten Radfahrers. Deshalb müsse der Wagen wohl nicht all die Vorschriften erfüllen, die für ein modernes Auto gelten. Ganz abgesehen davon, dass der Halter eines Fahrzeugs von 1885 Bestandsschutz genießen sollte. Dann habe ich ihn gefragt, welche Bestimmungen genau auf mein Fahrzeug zuträfen. Da müsse er erst nachgucken, hat er gesagt.

EN: Hat er denn eine StVZO zur Hand gehabt?
Kubanke: Nein, hatte er glücklicherweise nicht. Er wollte mich aber trotzdem nicht weiterfahren lassen. Da hatte er seine Rechnung aber ohne Genoveva gemacht.

EN: Wieso?
Kubanke: Sie verwickelte ihn in ein Gespräch über technische Kulturdenkmäler und drohte damit, den gesamten Daimler-Konzern und alle Fahrer historischer Automobile zu mobilisieren, wenn er mich nicht weiterfahren lassen würde. Alle Umstehenden pflichteten ihr zu und beteiligten sich an dem Gespräch.

EN: Und mussten Sie nun zahlen oder nicht?
Kubanke: Nein, denn er hatte ja keine Ahnung, wie viel er mir hätte abknöpfen dürfen. Außerdem hätte er einen Paragrafen auf der Quittung angeben müssen, gegen den ich verstoßen habe. Und da ihm der passende nicht geläufig war, verzichtete er, nicht ohne mich zu ermahnen, gaaanz vorsichtig weiterzufahren und beim Abbiegen immer schön die Hand rauszustrecken wegen der fehlenden Blinker.

EN: Wie weit wollen Sie denn nun noch fahren? Wie sind Sie überhaupt an das Fahrzeug gekommen?
Kubanke: Das ist eine längere Geschichte. Erst mal nur so viel: Vor anderthalb Jahren mussten doch alle Etwashausener Mercedes 260 D wegen möglicher Rahmenrisse im Werk überprüft werden (https://en.tischbahn.de/nummer-163-dieselstau-im-gueterbahnhof/). Da habe ich mit dem Konzern Kontakt aufgenommen, um das möglichst schnell über die Bühne gehen zu lassen. Die Leute da waren nun so nett, mir den Motorwagen zu einer routinemäßigen Fahrt zu überlassen. Er muss immer mal bewegt werden, damit die Mechanik geschmeidig bleibt. Wie weit ich noch will? Ich muss noch zum Etwashausener Güterbahnhof. Da wird er dann aufgeladen und per Bahn ins Museum zurückgebracht. Aber erst mal muss ich eine Tankstelle finden. Wissen Sie vielleicht, wo die nächste ist? Eine Apotheke tut es übrigens auch.

EN: Eine Apotheke ist da hinten in der Hauptstraße. Brauchen Sie Benzin oder Diesel?
Kubanke: Benzin natürlich! Diesel ist ja sowas von 20. Jahrhundert. Das will doch kein Mensch mehr. (Knattert davon.)

Der Heimweg ins Museum gelang mit einem Spezialtransporter.

 
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